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Der
Text war am 15. 7. 2005 in der taz ( www.taz.de
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das
kino ist ein heiliger ort.
eine verbeugung von WIGLAF DROSTE
"Out
of the Past" läuft im Kino, 1947 von Jacques Tourneur
gedreht, mit Robert Mitchum und Jane Greer, ein Film,
der niemals alt wird und den man nicht zu oft sehen
kann. Mitchum sieht so gut aus, wie ein Mann nur aussehen
kann und wie Brad Pitt nie aussehen wird. Der Film läuft
im Regenbogenkino in Kreuzberg, einem der letzten Sofakinos,
es ist fast eine Privatvorführung für die
Süße und mich, nur eine weitere Zuschauerin
hat sich noch eingefunden.
Wenn
die Effizienz- und Entlassungsfirma McKinsey hier ein
Gutachten abgäbe, wäre das Regenbogenkino
längst geschlossen, und Filme wie "Out of the Past"
könnte man sich autistisch auf Video oder DVD ansehen
und nicht da, wo man sie sehen muss: im Kino.
Alles,
was ich über das Kino weiß, verdanke ich
Leuten, die Filme nicht in erster Linie zum Geldverdienen
zeigen, sondern aus Liebe zum Film. Was hätte ich
alles nicht gesehen, wenn es nicht das Eiszeit-Kino
gäbe, das FSK, das Moviemento, das Regenbogenkino,
das Sputnik: "If …" von Lindsay Anderson, "One-Eyed
Jacks" von und mit Marlon Brando, "The Killing of a
Chinese Bookie" von John Cassavetes, "The Searchers"
von John Ford, "Die Abenteurer" von Robert Enrico, "Touch
of Evil" von Orson Welles.
Keinen
Schimmer hätte ich, wenn es nicht Kinos gäbe,
in denen Kunst vor Kasse geht. Irgendwann ging das Genöle
über die Programmkinos los, man sitze da nicht
so bequem, und richtig Glamour hätten die Läden
ja auch nicht.
Beinfreiheit
ist eine prima Sache - die aber Gedankenfreiheit nicht
ersetzen kann.
Es
kamen die Cineplexe und Cinemäxxe, die Kino-Center,
Stätten maximaler Einöde, Augentod-Schachteln,
die identische Hässlichkeit in die Welt feuern.
Warum sollte ich mir Tom Cruise in Steven Spielbergs
Fassung von "The War of the Worlds" ankucken? Weil mir
schon der Trailer sagt, dass es sich um weiteres McDonald's
für die Augen handelt? Weil die Konfektionsware
mit weltweit 15.000 Kopien in den menschlichen Kopf
hineingeprügelt wird?
Das
Kino ist ein heiliger Ort, die Kirche zum ungläubigen
Thomas, der sehen will und nicht debil gläubisch
ist.
Im Kino kann man sehen lernen. Was man über Männer
und Frauen wissen sollte, zeigen Fanny Ardant und Jean
Louis Trintignant in François Truffauts "Vivement
dimanche!" Auch Sam Peckinpah, oft sehr verkürzend
als Blutbademeister wahrgenommen, hat eine Lektion in
Sachen Liebe hinterlassen: die romantische Westernkomödie
"The Ballad of Cable Hogue", 1970 mit Jason Robards
und Stella Stevens gedreht. Cable Hogue, von Mieslingen
ohne einen Tropfen in der Wüste zurückgelassen,
findet eine Quelle, und den Quell der Freuden findet
er auch - die Liebe. Sie heißt Hildy und ist ganz
hinreißend; dass sie ihr Geld bis dahin auf dem
Rücken verdient hat, stört Cable Hogue so
wenig wie Sam Peckinpah, der von der Moral der Eheleutesorte
Mensch nicht sehr viel hielt und 1972 in einem Interview
dazu nur bemerkte: "Die meisten verheirateten Frauen
lassen sich für das Geld bumsen, das sie ihren
Männern abnehmen."
Weil
es das Eiszeit-Kino gibt, kann man diesen sehr untypischen
Peckinpah-Film auf der Leinwand sehen, heute und morgen
jeweils um 22.30 Uhr, in Berlin-Kreuzberg.
taz Nr. 7716 vom 15.7.2005, Seite 20, 105 Kommentar
WIGLAF DROSTE, Kolumne
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