Arthouse im Stream: was die Mediatheken vom Kinobetrieb übernommen haben

arthouse im stream

Im Frühjahr saß ich mit elf anderen Leuten in einem Programmkino und sah einen rumänischen Film, von dem ich vorher nichts wusste. Acht Monate später tauchte derselbe Film in einer Mediathek auf. Ich habe ihn ein zweites Mal gesehen und dabei gemerkt, wie unterschiedlich derselbe Film in zwei Räumen funktioniert.

Wie ich vom Kinosessel in die Mediathek gerutscht bin

Der Weg war schleichend. Erst waren es die Filme, die ich im Kino verpasst hatte, dann die, für die ich abends keine Lust auf die Fahrt hatte. Inzwischen läuft ein guter Teil von dem, worüber ich hier schreibe, über einen Bildschirm im Arbeitszimmer statt über eine Leinwand.

Bei dem rumänischen Film kam noch etwas dazu. Die Fassung in der Mediathek war rund vier Minuten kürzer als die im Kino, und mir fehlte eine ganze Szene aus der Mitte. Gekürzte Fernsehfassungen sind bei Lizenzware normal, es steht nur nirgends dran. Seitdem vergleiche ich bei Filmen, die ich schon kenne, zuerst die Laufzeit.

Was dabei verloren geht

Zu Hause halte ich an. Ich schaue aufs Handy, ich koche Tee, ich verliere bei einer langen Einstellung den Faden. Im Saal gibt es diesen Ausweg nicht, und gerade langsame Filme brauchen genau diese fehlende Fluchtmöglichkeit. Der rumänische Film hat mich im Kino gepackt und im Arbeitszimmer nicht mehr.

Die Zahlen hinter dem Eindruck

Mein Eindruck ist weder neu noch ein Einzelfall. Die Marktforschung der Filmförderungsanstalt veröffentlicht regelmäßig, wie sich Besucherzahlen und Nutzungsformen verschieben. Wer dort ein paar Jahrgänge nebeneinanderlegt, sieht die Bewegung klarer als in jeder Debatte darüber.

Was die Statistik nicht zeigt

Was in keiner Tabelle steht, ist die Auswahl. Ob ein kleiner Film überhaupt in einem deutschen Saal läuft, hängt an Leuten, die ihn vorher gesehen und sich dafür entschieden haben. Diese Entscheidung fällt vor jeder Statistik.

Was die Streamingdienste vom Programmkino gelernt haben

Auffällig ist, wie genau die guten Angebote das Programmkino kopieren. Es gibt Reihen, Retrospektiven, Regie-Schwerpunkte und Begleittexte. Der Kino-Bereich von arte arbeitet praktisch wie ein Monatsprogramm, begrenzte Laufzeit inklusive.

Kuratierung statt Algorithmus

Darin liegt der eigentliche Unterschied zwischen den Anbietern. Ein Empfehlungsalgorithmus zeigt mir mehr von dem, was ich schon kenne. Eine kuratierte Reihe zeigt mir, was ich nie gesucht hätte. Fast alles, was ich in den letzten zwei Jahren entdeckt habe, kam aus dem zweiten Fall.

Die Sache mit dem Ablaufdatum

Ein Detail, das ich lange unterschätzt habe. Bei den öffentlich-rechtlichen Angeboten verschwinden Filme nach einer festen Frist wieder, oft nach dreißig Tagen. Ich notiere mir das Ablaufdatum, wenn ich etwas auf später verschiebe. Zweimal war der Film vorher weg.

Warum das kleine Kino trotzdem nicht ersetzt wird

Die Häuser, um die es geht, sind selten groß. Die Gilde der deutschen Filmkunsttheater vertritt genau diese Betriebe, und ihre Programmarbeit entscheidet oft darüber, ob ein Film in Deutschland überhaupt sichtbar wird. Ein Stream verbreitet das Ergebnis, die Auswahl trifft er nicht.

Wirtschaftlich ist das ein schmaler Grat. Ein Haus mit einem Saal und achtzig Plätzen lebt davon, dass an vier Abenden in der Woche genug Leute kommen, und ein Film ohne Namen bringt diese Leute nicht von allein. Deshalb hängt so viel an Reihen, Kooperationen und einem Stammpublikum, das mitgeht, wenn man ihm etwas Unbekanntes vorsetzt.

Der Saal ist Teil des Films

Bei einer Vorführung des Kurzfilmprogramms, über das ich im Beitrag zum deutschen Kurzfilm geschrieben habe, lachte der halbe Saal an einer Stelle, die ich für ernst gehalten hatte. Diese Korrektur hätte mir kein Bildschirm geliefert.

Wo der Stream an eine Grenze stößt

Ein praktisches Problem bleibt. Viele Filme, die auf Festivals laufen, erscheinen danach nur in einzelnen Ländern, weshalb ich mich an anderer Stelle mit Streaming ohne Geoblocking beschäftigt habe. Wie stark die Festivals als Vorsortierung wirken, steht im Beitrag über die Rolle der Filmfestivals.

Zwei Filme im Monat im Saal, alles andere am Bildschirm. Das ist die Aufteilung, mit der ich gerade lebe. Sie verschiebt sich jedes Jahr ein Stück weiter in Richtung Bildschirm, und ich bin mir nicht sicher, ob ich das aufhalten will.