Warum sich die deutschen Filmklassiker nicht einfach streamen lassen

filmklassiker nicht streambar

Ich wollte einer Freundin „Das Cabinet des Dr. Caligari” zeigen und dachte, das sei eine Sache von zwei Minuten. Was ich fand, war ein Upload mit Klaviergeklimper, das nicht zum Bild passte, und Figuren, die durchs Set hetzten wie in einer Slapstick-Nummer. Wir haben nach einer Viertelstunde abgebrochen.

Der Abend, an dem Caligari nicht funktionierte

Das Problem war nicht der Film, sondern die Kopie. Stummfilme wurden mit etwa sechzehn bis zwanzig Bildern pro Sekunde gedreht. Spielt eine Datei sie mit vierundzwanzig ab, laufen alle Bewegungen zu schnell, und die Schauspielerei sieht albern aus, obwohl sie es nicht ist.

Wie es richtig aussieht, habe ich später bei einer Vorführung gesehen. Dort lief der Film in der restaurierten Fassung mit Livemusik, und plötzlich waren die schrägen Kulissen kein Kuriosum mehr, sondern bedrohlich. Dieselben Bilder, dieselbe Länge, ein völlig anderer Film.

Woran ich eine schlechte Kopie inzwischen erkenne

Drei Dinge fallen sofort auf. Das Bild ist durchgehend grau, obwohl viele dieser Filme im Original einfarbig getönt waren, blau für Nacht, bernstein für Innenräume. Die Musik ist beliebig darübergelegt. Und die Zwischentitel sind nachgesetzt statt fotografiert, oft mit falscher Schrift.

Wer die Rechte an diesen Filmen hält

Ein großer Teil des deutschen Films aus der Zeit liegt bei einer einzigen Stiftung. Der Filmbestand der Murnau-Stiftung umfasst die Weimarer Produktionen, zu denen Caligari, Nosferatu und Metropolis gehören. Die Stiftung verwaltet nicht nur die Rechte, sie verantwortet auch die Restaurierungen.

Warum das die Streamingfrage entscheidet

Eine Restaurierung ist selbst eine Leistung mit eigenem Schutz. Die 4K-Fassung von Caligari, die 2014 auf der Berlinale lief, ist nicht dasselbe wie eine alte Kopie, die irgendwo hochgeladen wurde. Wer die gute Fassung zeigen will, braucht eine Lizenz. Frei zugänglich sind deshalb meist genau die Versionen, die den Film schlecht aussehen lassen.

Digitalisierung kostet Geld und Zeit

Damit ein Film überhaupt in guter Qualität abrufbar sein kann, muss er vorher abgetastet und farbkorrigiert werden. Das Förderprogramm Filmerbe finanziert genau diesen Schritt für deutsche Titel.

Was das in der Praxis bedeutet

Das Programm arbeitet mit einem festen Jahresbudget, die Bestände der Archive sind ein Vielfaches davon. Es wird also priorisiert, und Filme ohne Namen und ohne Jubiläum warten. Wer nach einem Regisseur der zweiten Reihe sucht, merkt das schnell.

Dazu kommt der Zustand des Materials. Nitrofilm schrumpft und wird brüchig, Acetat entwickelt den Essiggeruch, an dem man den Zerfall riecht, bevor man ihn sieht. Je länger eine Rolle auf die Abtastung wartet, desto aufwendiger wird sie, und irgendwann ist sie nicht mehr zu retten. Das ist der Grund, warum bei diesem Thema so oft von Dringlichkeit die Rede ist.

Wo die Filme stattdessen liegen

Meine ergiebigste Quelle ist kein Streamingdienst, sondern die digitale Sammlung der Deutschen Kinemathek. Dort finden sich Materialien und Nachlässe, oft zu Filmen, von denen keine gute Fassung mehr existiert. Das Bundesarchiv führt einen zweiten großen Bestand.

Der Umweg über die Archivrecherche

Das ersetzt kein Ansehen, aber es beantwortet Fragen. Zum Erbe des Expressionismus, über das ich im Beitrag über moderne Indie-Filme geschrieben habe, habe ich mehr aus Standfotos und Produktionsunterlagen gelernt als aus mancher Kopie.

Praktisch heißt das, dass ich für einen Beitrag oft zwei Wege parallel gehe. Ich suche die beste verfügbare Fassung, und ich suche die Unterlagen dazu, und beides liegt an verschiedenen Orten. Bequem ist das nicht. Es ist aber ehrlicher, als eine Kopie zu besprechen, deren Herkunft ich nicht kenne.

Was ich inzwischen mache

Ich warte auf die Retrospektiven. Kommunale Kinos und Stummfilmtage zeigen diese Filme in der richtigen Geschwindigkeit und mit Livemusik, und dieser Unterschied ist kein Detail für Puristen. Caligari im Saal und Caligari im Browser sind zwei verschiedene Filme.

Wenn es doch der Stream sein muss

Manchmal liegt eine ordentliche Fassung bei einem Anbieter im Ausland, was mich zum Thema Streaming ohne Geoblocking gebracht hat. Für die Klassiker löst das allerdings wenig. Was nie digitalisiert wurde, liegt in keinem Länderkatalog. Bei Caligari half am Ende kein Umweg über ein anderes Land, sondern ein Termin im kommunalen Kino zwei Monate später.